Hochverrat & Schicksal

Schlachtensang – 215, 5. Mond, Tag 8-9

Prolog: Nervös saß ich Dramian gegenüber im Empfangszimmer der Familie Sindelstein. Sobald er mir das Wort erteilte, platzte ich damit heraus, dass ich aus sicherer Quelle wusste, dass Lucius Domenicus plante Marvis ol Fer dem 1. das Leben zu nehmen. „Wir müssen sofort handeln!“

Er war sehr irritiert und fragte erst mal, wer ich denn sei?

„Lyanna del Nolo.“ – Diesen Namen hatte ich schon lange nicht mehr ausgesprochen. Es fühlte sich irgendwie gut an.

„… del Nolo. Wie Letitia, die frühere Protecta von Melvis? Und ihr beschuldigt den momentanen Protector von Melvis des Hochverrats?!“ Ungläubig starrte er mich an.

Hm, so kommen wir hier nicht weiter.

Ich atmete tief ein und erzählte ihm meine Geschichte – all das, was sonst niemand über mich wusste. Dramian hörte aufmerksam zu. Sein Gesichtsausdruck wurde immer düsterer.

Nach einer langen Pause sagte er: „Das Schicksal scheint mit dir zu sein. Ich werde dir einen Heldentrupp als Unterstützung beschaffen. Aber du musst mit ihnen selbst gegen Lucius in die Schlacht ziehen, Heerführerin del Nolo!“

Ausgesperrt

Schlachtensang – 215, 5. Mond, Tag 8-9

Wir schlugen unser Lager in Sichtweite des melvischen Protectorensitzes auf. Das Wetter war trübe und die Nächte frostig – passend zu unserer Stimmung.

Lucius hielt darin Marvis ol Fer den 1. und seinen Sohn fest und schickte uns laufend niedere Untote entgegen. Außerdem hatte eine Schutzkuppel errichtet, sodass wir nicht bis zu den Gefangenen vordringen konnten.

Wir müssen etwas finden, das diese Kuppel unwirksam machen kann. Und dann ist da noch die Sache mit meinem Familienschwert…

Usuls Nachricht an Aruad

Schlachtensang – 215, 5. Mond, Tag 8-9

Usuls Nachricht ereilte mich, ich kann heute gar nicht mehr sagen, wo.

„Gehe auf schnellstem Wege ins Heerlager von Lyanna del Nolo. Mein erster Auftrag an Dich, als mein Lehnsmann, lautet: „Unterstütze sie in ihrem Kampf gegen den Untot, gegen Muel’Sa“

„Del Nolo, so hieß doch auch die ehemalige Protecta von Melvis“ dachte ich mir.

Gegen den Untot, das nenne ich Ironie. Bin ich doch selbst seit dem Kampf gegen Marc Dunkelbruch nicht mehr das, was man in Whenua menschlich nennt.

Wenige Zeit später traf ich im Lager ein. Nervös holte die Wache noch 2 Leute zur Verstärkung und man geleitete mich hinein.

„Hier ist einer der Untoten, aber im Auftrag von Baron Usul. Er will zur Heerführerin dieses Unterfangens“ sagte die Wache zu jemandem, der wie ein Hauptmann oder so aussah.

Ich trug zum gefühlt 3. Mal mein Anliegen vor und wurde zu Lyanna del Nolo geführt. Sie besprach sich gerade mit einigen Kriegern. Es schienen schon Gefechte stattgefunden zu haben, aber die Schlacht, die ihr Schicksal und wohl auch meines entscheiden würde, stand erst unmittelbar bevor.

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Für Melvis?

Schlachtensang – 215, 5. Mond, Tag 8-9

Die Schlachtreihen standen sich gegenüber. Lucius heizte seinem untoten Gefolge ein. Man konnte seine Erfahrung als Anführer deutlich spüren.

Ich richtete das Wort an meine Leute: „Lucius hat Hochverrat begangen und den Lord-Protector ermordet! Das ist nur seine jüngste Untat. Er hat dieses Land besudelt! Holen wir es uns zurück – kämpfen wir für Melvis!“ Doch plötzlich übertönten die Untoten meine Stimme: „Für Melvis!“

Oh, mit Patriotismus komm ich nicht voran!

Meine Gedanken rasten, das Geschrei der Untoten wurde immer lauter. Unruhe zog durch die Reihen meiner Truppen. Da viel es mir wie Schuppen von den Augen.

“Für die Lebenden!“ rief ich. Es dauerte ein wenig, bis alle es hörten und begannen mitzusprechen.

“Für die Lebenden!“

“Für die Lebenden!“

Erschallte es nun immer wieder im Chor. Ich sah förmlich wie Lebenskraft meine Leute erfüllte. Nun waren wir bereit für die letzte Schlacht.

Fataler Fehler

Schlachtensang – 215, 5. Mond, Tag 8-9

„Und hier stehts du mir nun endlich Gegenüber: Lucius! Erhebe dein Schwert!“

Doch der Kampf blieb einseitig. Lustlos parierte er ein paar meiner Schläge und kniete sich dann schelmisch grinsend hin. „Richte mich doch!“ – Irgendetwas ist da faul. Doch wenn ich ihn nur festsetze, wird er einen Ausweg finden. Ich muss ihn sofort richten; laut Gesetz darf ich das auch.

Und so beging ich einen meiner größten Fehler. Lucius Domenicus hauchte seinen letzten Atemzug aus.

Und stand wieder auf! Sein Lachen war eisig. Triumphierend. Furchteinflößend.

„Danke, du hast mich befreit.“
Er war zu einem höheren Untoten aufgestiegen, gefährlicher als je zuvor.

Noch dazu veranlasste er alle Untoten, die Whenuas Kindern so Nahe standen, in Schulen und Waisenhäusern, sich gegen die schwächsten Mitglieder unseres Landes zu wenden und diese kaltblütig zu schlachten.

Dieser Tag wird mich auf ewig verfolgen.

Muel’Sa spricht

Schlachtensang – 215, 5. Mond, Tag 8-9

Die Schlacht war vorbei. Eine Generation tot. So viele Verletzte. Lucius war zum hohen Untoten aufgestiegen und verschwand mit den Resten seines Gefolges. Doch es war noch nicht vorbei.

Über uns hinweg erschallte Muel’Sas Stimme – ich konnte sie fast körperlich spüren: „Und euch Verrätern bürde ich die Strafe des Lebens auf! Ihr sollt jeden Schmerz, welchem ihr in eurem Dasein als Untoter entgangen seid, nun doch spüren.“

Seine Worte waren an die untoten Helden, die sich meiner Sache angeschlossen hatten, gerichtet. Aruad und „Sebi“ gingen auch sogleich schreiend zu Boden. An ihrem entrückten Blick konnte ich das Ausmaß ihrer Qualen sehen. Unsere Heiler stürmten heran; es dauerte eine Ewigkeit, doch schlussendlich konnten die beiden gerettet werden.

Ein Lichtblick: Sie waren wieder Menschen, wieder Teil der Lebenden.

Ein kleiner Trost.

Militärische Führung

Schlachtensang – 215, 5. Mond, Tag 8-9

„Ich, Lyanna del Nolo, übernehme die momentane militärische Führung von Melvis, um für Sicherheit und Ordnung zu sorgen, bis der neue Protector ernannt wird.“ Mit diesen Worten beendete ich meine erste Ansprache.

Ich drehte mich um, betrat zitternd Lucius Domenicus’ Anwesen, hob meine Arme und rief verzweifelt: „Man hole mich aus dieser Rüstung raus!“.

Worauf habe ich mich da nur eingelassen?

Protecta del Nolo

Nobilitas Regere I – 215, 7. Mond, Tag 24-25

Man würde meinen es sollte schwierig sein, den ehrwürdigen Posten einer Protecta zu erlangen. Doch nach Lucius’ offensichtlichen Verrats und meiner Familiengeschichte brauchte es nicht viel Überzeugungskraft, damit mir die amtierenden Protectoren Canis sowie Fred und der selbst noch frischgebackene Lordprotector Marvis den Titel übergaben.

Marvis hatte sich seit meiner Zeit damals bei Hofe stark verändert. Klar, wir waren alle erwachsen geworden. Dennoch konnte ich unser Band des Vertrauens noch spüren.

Fred war mir ein unbeschriebenes Blatt, verhielt sich höflich aber interessiert. Doch manchmal sah er mich so mitleidig an, immer dann, wenn er dachte ich merke es nicht. Ob er da wohl an das Schicksal meiner entfernten Verwandten Laetitia dachte?

Und was Canis anging, er war sofort zugänglich und kameradschaftlich – lebt dieser Mensch völlig unbeschwert und ohne jegliches Misstrauen? Oder hat er es einfach nicht nötig vorsichtig zu sein?

Es schien so, als wären alle drei erleichtert, das Thema der melvischen Führung so schnell abhaken zu können. Kein Wunder, bei all den Problemen, die Fly Silberklinge uns machte.

Ich werde da sein – Gnak Prak

Nobilitas Regere I – 215, 7. Mond, Tag 24-25

Es ist schon einige Zeit her, da stellten gute Freunde mir ein junges Fräulein Del Nolo vor: als neue Protecta von Melvis. Meine Freunde meinten Sie wäre die Richtige aber Sie hätte einen schwierigen Stand wegen der whenuanischen Erbfolge und so… Bei uns Orks hätten wir das anders gelöst.

Man sagte mir ich sollte Sie unterstützen so gut ich kann. Habe Sie beobachtet, mit Ihr geredet. Mit der Zeit hat Sie sich einen guten Ruf erarbeitet. Sie schaut auf Ihr Volk und verteidigt es.

Ich denke nicht, dass Sie jemals meine Hilfe benötigt hätte. Dennoch werde ich da sein, sollte sich das ändern.

Mehr als ausreichend

Nobilitas Regere I – 215, 7. Mond, Tag 24-25

Gefühlt war ich noch keinen Tag lang Protecta, und schon wollte jeder etwas von mir. Oder eher brauchte. Die Dringlichkeit der Anfragen war überwältigend. „Die Flüchtlinge aus Ostarium überrennen uns. Wir brauchen mehr weiden um die Rinder weiden lassen zu können, mehr Holz und Ziegel um neue Hauser bauen zu können, mehr Geld um mehr…“ Mehr, und mehr und mehr.

Im Laufe des Tages fand ich mein neues Lieblings-Wort: Ausreichend. „Es wird ausreichend Land zur Verfügung gestellt werden. Es werden ausreichende Rohstoffe beschafft werden…“

Um die Details würde sich dann mein Meister der Münze kümmern müssen.

Die edle Gesellschaft

TdT – 215, 8. Mond, Tag 20-22

Nach einer idyllischen Zeremonie in einer Art Rundtheater unter freiem Himmel und einem Stück Linsar Baumkuchen, wurde ich, als es begann dunkel zu werden, vom Hochzeitspaar zum Abendmahl eingeladen.

Fred und Sophia schienen recht glücklich miteinander. Es wurde viel geplaudert und gelacht, und der alte “Don” wurde sehr oft erwähnt. Aber kein Wunder, war ja fast die gesamte Familie Baratti anwesend.

Am Anfang war ich etwas unsicher, ob ich mich nach meiner langen Zeit in den dunklen Ecken Whenuas wohl in diese edle Gesellschaft einfügen würde können?

Doch knapp vor der Nachspeise lockerte die werte “Donna” dann ihr Mieder und kommentierte dazu laut etwas wie “keine Luft”. Da entspannte ich mich endlich, die edle Gesellschaft war wohl doch nicht so steif, wie sie es alle glaubenlassen wolte.

Nach dem 3. Glas noch aufrecht – Canis

Herbstball Carus – 216, 11. Mond, Tag 25-26 TdT – 215, 8. Mond, Tag 20-22

Als ich, Canis Latrans, Herrscher von Redis, Lyanna del Nolo, Regentin von Melvis besser kennelernen durfte, war der offizielle Anlass ein Gipfeltreffen über Handelsrouten.
Der inoffizielle Anlass aber — so munkelt man bis heute in den Tavernen — war der feuchtfröhliche Likörwettbewerb der großen Tage der Tapferkeit.

Ich, stets höflich und mit dem taktischen Lächeln eines Fuchses, versprach „rein zur moralischen Unterstützung“ teilzunehmen. Lyanna, mit funkelndem Blick, entgegnete: „Bei uns in Melvis ist Moral, was man nach dem dritten Glas noch aufrecht halten kann.“

Seitdem sah man mich bei jedem Wettbewerb an ihrer Seite — manchmal mit einem diplomatischen Toast, manchmal mit einem leisen Seufzer — und immer mit dem festen Vorsatz, diesmal nicht den stärksten Kirschbrand zu erwischen.

Ein Vorsatz, der sagen wir, nur theoretisch eingehalten wurde

Kuhhandel

Nobilitas Regere II – 216, 7. Mond, Tag 1-2

Die Adeligen Whenuas versammelten sich in einer finsteren aber wunderschönen Burg, umgeben von unendlich viel Grün. Es schien die Saison der Ehebündnisse/des Kuhhandels gekommen zu sein. Ich lehnte mich zurück und genoß das Spektakel.

Da erwischte mich Marvis eiskalt „Lyanna, ich denke Ihr solltet Augustus zum Manne nehmen.“

Ich lachte laut. Zu laut. Bis ich merkte, dass sonst keiner lacht. Augustus und Minerva sahen mich entgeistert an.

Oh. Ich zähle also auch zu den Kühen?!!

Jetzt im Ernst

Nobilitas Regere II – 216, 7. Mond, Tag 1-2

Marvis nahm mich beiseite und erklärte mir, dass die Verbindung mit Augustus meine Position stärken würde und, dass ich so oder so einen Erben bräuchte. Ich sah das natürlich ein, abgesehen von dem Erben, es sollte wohl auch eine ErbIN sein dürfen.

Darum werde ich mich noch kümmern.

Dabei musste Marvis mir eine Ehe mit Augustus gar nicht schön reden. Schon seit meinen Tagen bei Hofe als junges Mädchen war ich von Augustus angetan. Damals, als wir zu oft zu dritt herumstreiften, hatte ich mich nie getraut es ihm zu offenbaren. Umso lächerlicher war es, dass ich vom Hofe verwiesen wurde, weil man glaubte, ich würde Marvis verführen.

Und eben dieser Marvis schickte mich nun unter die Haube.

Ironie des Schicksals?

Es wird noch ernster?

Nobilitas Regere II – 216, 7. Mond, Tag 1-2

So seltsam kannte ich Augustus gar nicht. Nervös fuhr er sich durchs Haar. Nach einigen tiefen Atemzügen bat er mich dann hinaus in den weitläufigen Garten, welcher and die Burg grenzte.

„Ich weiß, dass uns Marvis bereits offiziell verlobt hat, aber ich möchte es richtig machen.“ Da kniete er sich tatsächlich vor mich hin und offenbarte mir seine Liebe. Wie lange er sie geheim gehalten hatte und wie schwierig das war. Er streckte mir den Familienring der Choros-Mons entgegen – ein verschlungenes goldenes Hirschgeweih.

Ich kann meine Freude kaum fassen. Ich bin keine verschacherte Kuh. Ich bin ein vor Glück strahlendes Honigkuchenpferd.