Von Vernunft und Autorität – LiNeer

224, 8. Mond, Tag 15-17 – TdT

Die Protecta, die mir im Turnierkreis gegenübertrat, war nicht dieselbe, die ich kannte.

Zuletzt waren wir uns nur Stunden zuvor in der Grünen Raupe begegnet. Ich war angereist, um meiner Urteilsverkündung beizuwohnen. Ein absurder Gedanke, sich menschlicher Rechtsprechung zu unterwerfen…

Aber mein Trotz war geweckt. Mir waren Drohungen zugetragen worden, ich solle mich nicht oder „besser nicht allein“ auf den Tagen der Tapferkeit blicken lassen. Selbstverständlich war ich prompt ohne (sichtbare) Eskorte angereist. Jetzt saß ich demonstrativ inmitten der Taverne und versuchte, nicht an das Bevorstehende zu denken. Spio… Bekannte hatten mir zugetragen, dass viele sich nicht nur die Todesstrafe für mich wünschten, sondern ihren Einfluss dafür einzusetzen versuchten. Mein Vertrauen in menschliche Justiz war überschaubar, jedoch zweifelte ich keinen Moment an der Entschlossenheit kleinlicher Männer mit persönlicher Vendetta.

Lyanna del Nolos Eintreffen war dagegen eine erfrischende Aussicht auf Vernunft. Die herzliche Begrüßung spiegelte meine Achtung für die Protecta wider – und war zugleich für das Publikum: Still, hier reden die Erwachsenen. Im Gespräch mit der charmanten Anführerin entspannte ich mich.

Ganz anders klang die Frau, die wenig später mit strengen, energischen Worten unser Urteil verkündete. Niemand widerspricht einer solchen Stimme. Obwohl sie die erste Hälfte ihrer Rede darauf verwendete den Versammelten zu erklären, was ich NICHT getan hatte, verlies ich den Turnierkreis wie ein gescholtenes Schulmädchen.

Das also ist die autoritäre Lyanna. Ich muss sagen – ich hasse es nicht.

Wer den Kupfer nicht ehrt

225, 5. Mond, Tag 29-31 – 14. Jahresfest SK

Das Casino der Bettlerschmiede war, seinem Namen zum Trotz, stilvoll eingerichtet und ich wurde auch sogleich mit einem kalten Sprudel empfangen. Unterschiedlichste Spiele waren in Regalen aufgereiht. Stehtische, kuschelige Ecken und ein großer Pokertisch luden zum Verweilen ein. Ich bin dem Glücksspiel nicht besonders zugetan, doch ab und an ist es dennoch unterhaltsam. Und so setzte ich mich an den Pokertisch, jedoch für einige Runden Black Jack. Bald bemerkte ich, dass mein Sitznachbar keine Münzen mehr übrig hatte.

Aufgrund meiner guten Laune spendierte ich ihm ein paar Kupfer. Schon bald fiel anderen Gästen unsere Freude am Spiel auf und sie gesellten sich dazu. Dann merkte jemand an: „Werte Protecta, wieso setzt Ihr denn nur Kupfer? Ihr müsstet doch genügend andere Münzen haben!“

Ich lachte und erklärte im heiter: „Mir geht es doch nicht ums Gewinnen. Ich möchte, dass der Kartengeber möglichst viel verdient. Das kommt auch mir in Form von Steuern zugute.“

Außerdem reizt es mich nicht in Spielen das Risiko zu suchen. Mein Leben ist riskant genug.

Hofhalten, oder so ähnlich

225, 8. Mond, Tag 13-16 – TdT

Der Doedelmokker und die Bettlerschmiede hatten diese alte Scheune überraschend gemütlich eingerichtet. Unter abwechselnd gelben und roten Wimpeln fand ich mich mit Fred auf einem weichen Sofa ein, um bei einer kalten Flasche Schaumwein Whenuas Einwohnern und allen Gästen ein offenes Ohr zu schenken. Marvis war dieses Jahr aufgrund wichtiger Belange nicht anzutreffen, doch Canis hatte die Pflicht zu erscheinen. Etwas zu spät und augenscheinlich betrunken traf er dann doch ein. Da hat jemand dem Branntweinfrühstück des Schwarzen Kreises wohl zu sehr beigewohnt…

Ein Dokument, damit die Seelen verstorbener Kämpfer Ruhe finden; ein Vorschlag für die Formulierung deutlicherer Turnierregeln; eine Aufenthaltserlaubnis für Reisende mit Dämonenmahl; der Vorschlag für eine finanzielle Förderung der Rwang und so manch anderes wurden vorgetragen.

Besonders mutig fand ich ein junges Mädchen, Eleonora von den Bluteichen, die vor uns drei trat und ihren Lobgesang an die Märchen zum Besten gab.

Doch im Grunde waren es nicht besonders viele, die uns aufsuchten. Fred verlor schnell das Interesse und widmete sich wieder seinen anderen Pflichten zu. Ja und Canis? Der fiel fast von der Bank und schlief wohl danach seinen Rausch aus.

Ich suchte mir bessere Unterhaltung und lud Barden dazu ein, mir ihren Wettbewerbsbeitrag vorzubringen: Meister Rocke mit seiner Ukulele brachte ein schwungvolles Tavernen-Ständchen und die sanfte Soleil verzauberte mich mit ihrer herzzerreisenden Ballade.

So bekam diese Hofhaltung noch einen klangvollen Abschluss für mich.

Ein Schicksal in Ketten

225, 8. Mond, Tag 13-16 – TdT

Verwundert sah ich, wie die junge Bardin, die heute morgen beim Schwarzen Kreis gesungen hatte, nun Sixtus, das Schwarze Schicksal, in eisernen Ketten herumführen als währe er eine Trophäe. Seltsam…

Gleich darauf kam jemand aufgeregt auf mich zu und wollte mir von dieser Besonderheit berichten. Anscheinend behauptete das Mädchen, sie wäre Canis‘ Latrans rechtmäßige Vertretung und das Schicksal läge freiwillig in Ketten. Erwartungsvoll sah mich der Berichtende an und fragte ob dem denn weiter nachgegangen werden sollte. Ich zog die Augenbrauen hoch und sagte mit vorwurfsvollem Blick: „Ja!“ Was denn sonst!

Einige Zeit später betrat ich das Linsar Garde Lager, eigentlich um mein Sammelkarten-Set aufzustocken. Aber dazu kam ich nicht. Die Bardin befand sich dort und das Schicksal lag noch immer in Ketten. Sie schienen mit den Linsar Gardisten in eine hitzige Diskussion verwickelt. Mir wurde ein Dokument gezeigt, welches angeblich Canis während des Branntweinfrühstücks unterzeichnet haben sollte. Ich würde gerne behaupten, dass Canis so etwas nie ernst meinen Würde, aber das kann ich leider nicht.

Da war ich wohl nicht die einzige, ansonsten wäre dieser Vertrag wohl ohne Widerspruch sofort als nichtig deklariert worden. Canis selbst war zu diesem Zeitpunkt leider unpässlich (auch aufgrund des Branntweinfrühstücks) und konnte nicht in dieser Sache befragt werden. Die Gardistin Hana konnte zwar nicht lesen, aber man hätte ihr den Vertrag schon viel früher zeigen sollen. Sie war die einzige der sofort auffiel, dass das Wichtigste fehlte: Das Siegel.

Erleichtert einen unumstößlichen Grund für die Invalidität der Behauptungen der Bardin gefunden zu haben, verkündete Valerian, dass die Bardin wohl verrückt sei, und verordnete ihr einen Aufenthalt beim Orden Meltus.

Sixtus verlor offenbar die Freude an diesem Spiel und legte daraufhin von sich aus die Ketten wieder ab. Es war ihm wohl wirklich jederzeit möglich gewesen.

Viel Wirbel um nichts. Wo habe ich jetzt meine Karten?

Brutus, der jüngste Rekrut der Garde, half mir eifrig dabei, mein Set zu vergrößern. Danke

Abruptes Ende

225, 8. Mond, Tag 13-16 – TdT

„In 10 Augenblicken wird die Siegerehrung stattfinden!“ schallte es von Weitem. Ich wollte mich gerade zum Turnierkreis aufmachen um ihrer beiwohnen, da erreichte mich ein fleißiger Postbote. Er gab mir einen versigelten Brief, ich öffnete ihn und überflog den Inhalt. Es gab neue Erkenntnisse über „das Unaussprechliche“! Mit düsterem Blick sah ich den Postboten an: „Du musst für mich eine Nachricht nicht nur überbringen, sondern auch verfassen – ich reise sofort nach Gradum.“

Und so schnell kann ein Fest vorbei sein.