Ein Herz in Ketten – Victoriana

Kalte Spuren 3 – 223, 9. Mond, Tag 1-2

Wie soll ich es niederschreiben, ohne dass die Tinte selbst zu glühen beginnt vor Scham und Schuld?

Man nennt es ein Attentat – ich nenne es Verrat. Verrat an meiner Pflicht, an meinen Gelübden… an ihr.

Lyanna, meine Protecta.

Die Starke, die Unerschütterliche. Und ich, töricht genug, ihr zum Schwert zu werden, nicht an ihrer Seite, sondern gegen sie.

Ich erinnere mich an den Bann wie an einen bleiernen Nebel, der meine Glieder lenkte, mein Herz in Ketten schlug und doch jede Regung meines Willens verspottete. Ich spürte die kalte Magie, die mich zwang, und dennoch… es war meine Hand, die nach ihrem Leben griff. Meine Klinge, die ihr Blut suchte. Ich kämpfte – oh, wie ich kämpfte in mir selbst – und dennoch musste sie in meinen Augen den Feind erkennen.

Ich sah, wie sie mir auswich, wie sie meine Hiebe abfing. Sie verstand! Sie las zwischen den Bewegungen, dass mein Herz schrie: „Nein! Nicht sie! Niemals sie!“

Doch konnte sie mir je ganz glauben? Oder blieb der Schatten des Zweifels in ihr zurück?

Als der Bann fiel, war es schon zu spät. Ein Hauch nur von Unachtsamkeit, und meine Klinge fand ihr Fleisch. Kein tödlicher Stoß, nur der Arm – aber Blut! Ihr Blut! Kostbar, einzigartig… und nun in den Händen unserer Feinde.

Wir kehrten zurück, gebrochen, jeder von uns ein wenig kleiner, ein wenig leerer. Und ich? Ich trage die schwerste Bürde. Wie soll ich noch in ihr Antlitz blicken? Wie je wieder an ihrer Seite stehen, ohne dass die Erinnerung mich verzehrt?

Denn die Wahrheit, die ich niemals gestehen darf, brennt in mir:

Dieser eine Bann mag gebrochen sein, doch mein Herz, das liegt auf ewig in Ketten. Ich wäre verloren, würde sie es je erfahren.


SIC PARVIS MAGNA
Mit Liebe und Schutz für die Leut‘
Blau und Gold – damals wie heut‘