Von Vernunft und Autorität – LiNeer

Gast TdT – 224, 8. Mond, Tag 15-17

Die Protecta, die mir im Turnierkreis gegenübertrat, war nicht dieselbe, die ich kannte.

Zuletzt waren wir uns nur Stunden zuvor in der Grünen Raupe begegnet. Ich war angereist, um meiner Urteilsverkündung beizuwohnen. Ein absurder Gedanke, sich menschlicher Rechtsprechung zu unterwerfen…

Aber mein Trotz war geweckt. Mir waren Drohungen zugetragen worden, ich solle mich nicht oder „besser nicht allein“ auf den Tagen der Tapferkeit blicken lassen. Selbstverständlich war ich prompt ohne (sichtbare) Eskorte angereist. Jetzt saß ich demonstrativ inmitten der Taverne und versuchte, nicht an das Bevorstehende zu denken. Spio… Bekannte hatten mir zugetragen, dass viele sich nicht nur die Todesstrafe für mich wünschten, sondern ihren Einfluss dafür einzusetzen versuchten. Mein Vertrauen in menschliche Justiz war überschaubar, jedoch zweifelte ich keinen Moment an der Entschlossenheit kleinlicher Männer mit persönlicher Vendetta.

Lyanna del Nolos Eintreffen war dagegen eine erfrischende Aussicht auf Vernunft. Die herzliche Begrüßung spiegelte meine Achtung für die Protecta wider – und war zugleich für das Publikum: Still, hier reden die Erwachsenen. Im Gespräch mit der charmanten Anführerin entspannte ich mich.

Ganz anders klang die Frau, die wenig später mit strengen, energischen Worten unser Urteil verkündete. Niemand widerspricht einer solchen Stimme. Obwohl sie die erste Hälfte ihrer Rede darauf verwendete den Versammelten zu erklären, was ich NICHT getan hatte, verlies ich den Turnierkreis wie ein gescholtenes Schulmädchen.

Das also ist die autoritäre Lyanna. Ich muss sagen – ich hasse es nicht.

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